

Berlin, 5. März 2026
THE OFFICE IN THE AGE OF
AGENTIC ORGANIZATION
Der zweite Workshop @zero360
KI ist keine Zukunftstechnologie mehr. Sie ist Infrastruktur. Sie koordiniert, schreibt, entwirft, sucht aus, filtert, entscheidet vor.
Und während Unternehmen noch über Homeoffice-Quoten diskutieren, verschieben sich die eigentlichen Fragen längst: Welche Arbeit bleibt übrig? Wer lernt was, wo und von wem? Was macht das Büro, wenn die Maschine übernimmt?
Beim zweiten CON:FUSION Event kamen Führungskräfte, Gründerinnen, Partnerinnen und Gestalter aus Recht, Architektur, Immobilien, Beratung und Kreativwirtschaft zusammen — nicht um Antworten zu präsentieren, sondern um ehrlich zu reden. In zwei Diskussionsrunden, in kleinen Gruppen, ohne Powerpoint.
Das Ergebnis: keine Einigkeit. Aber eine Menge Klarheit darüber, was die wirklich drängenden Fragen sind.

Das Format
CON:FUSION ist kein Panel, keine Konferenz, kein Networking-Abend. Es ist ein Salon im ursprünglichen Sinne: ein Raum, in dem kluge Menschen miteinander denken — nicht voreinander.
Runde 1 — Die Frage
Wie verändert sich die Arbeitswelt durch KI als Infrastruktur? Konkrete Stories, konkrete Erfahrungen.
Runde 2 — Die Vorschläge
Welche Maßnahmen müssen jetzt ergriffen werden, um für die Agentic Organization vorbereitet zu sein?
Runde 1
Stimmen und Einsichten aus den Diskussionsgruppen

In allen vertretenen Organisationen ist KI im Alltag präsent — von der juristischen Mandatsarbeit über Steuerberatung bis zur Architektur. Sie beschleunigt vorbereitende Arbeit, systematisiert Wissen, liefert in Minuten, wofür früher Stunden oder Anrufe beim richtigen Spezialisten nötig waren. Aber: Der Schritt zur echten KI-Infrastruktur — autonome Agenten, die Prozesse eigenständig koordinieren, Termine vereinbaren, Schnittstellen zwischen Mitarbeitenden bilden — steht in den meisten Organisationen noch aus. Die Einschätzung in der Runde: Das ist eine Frage von Jahren, nicht Jahrzehnten.
"Bevor ich überhaupt die Nummer rausgeholt habe und angerufen hab, hatte der junge Kollege alles auf dem Bildschirm."

Besonders in regulierten Branchen — Recht, Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung — ist die zentrale Entscheidung nicht, welches Tool man nutzt, sondern wie man es baut. Als offene Schnittstelle oder als geschlossene Insel? Eine internationale Großkanzlei hat dafür ein 15-köpfiges Legal-Tech-Team aufgebaut — ausschließlich intern, weil das Wissen im Haus bleiben soll. Mandantengeheimnisse und Geheimhaltungsverpflichtungen machen externe Lösungen zum Risiko.

Die Energie im Raum, das zufällige Gespräch auf dem Flur, das informelle Lernen beim Zugucken — das lässt sich digital nicht reproduzieren. Das war der stärkste Konsens der Runde. Gleichzeitig: Das klassische Büro als Ort des Abarbeitens verliert an Legitimität. KI erledigt die Routinearbeit schneller und fehlerärmer. Was bleibt, ist das Büro als Ort der Begegnung, des Lernens, der Kultur.
"Ich gehe ins Büro wie ins Museum. Nicht wegen des Bildes. Wegen der Atmosphäre."

Die emotionalste Debatte der Runde: Was passiert mit dem Lernpfad junger Fachleute, wenn KI die Grundlagenarbeit übernimmt? Wer nie recherchiert hat, weiß nicht, was er kontrolliert. Wer nie irrt, entwickelt kein Urteil. Die Gruppe war gespalten — und einig: Diese Frage ist ungelöst. Und sie ist dringend.

Ein Architekturbüro beschrieb, wie eine KI in drei Minuten Entwürfe generierte — im Stil des eigenen Büros, mit erkennbarer architektonischer Haltung. Ein Galerist fragte, ob kuratorische Entscheidungen noch menschliche Handschrift brauchen. Kreativität, so die Einsicht, ist kein Schutzwall — sie ist ein Repertoire. Und Repertoire lässt sich imitieren. Was bleibt, ist das Urteil darüber, was gut ist. Und die Fähigkeit, dafür einzustehen.

KI beschleunigt. Aber sie löst die Widersprüche nicht auf — sie macht sie sichtbarer. Führungskräfte müssen gleichzeitig im Alten und im Neuen operieren, schnell umdenken, ohne sich zu verlieren. Psychologische Flexibilität, Widerspruchstoleranz, Reflexionsvermögen: Das sind keine Soft Skills. Das sind die Kernkompetenzen der Agentic Organization. Und sie werden nirgendwo systematisch gelehrt.

In großen Organisationen frisst die Frage, was man überhaupt in ein KI-Tool eingeben darf, enorme Zeit. Betriebsräte, Compliance-Abteilungen und fehlende Governance-Richtlinien erzeugen Stillstand — nicht aus bösem Willen, sondern weil die Regeln dem Tempo der Technologie nicht folgen können. Das Ergebnis: Mitarbeitende nutzen KI privat produktiv und stehen im Büroalltag ohne Erlaubnis da. Wer Governance als Enabler statt als Bremse baut, gewinnt.

Der größte Hinderungsgrund für KI-Adoption in Organisationen ist nicht die Technologie — es ist die Führungskultur. Wo Fehler nicht erlaubt sind, wird nicht ausprobiert. Wo keine Lernzeit eingeplant wird, fallen Mitarbeitende in bewährte Rituale zurück. Wo Führungskräfte KI selbst nicht verstehen, können sie auch keine Richtung vorgeben. Organisationen, die Räume und Zeit zum Experimentieren aktiv schützen, sind schneller. Alle anderen warten auf die nächste Anweisung.

Wer immer schneller alleine arbeitet, arbeitet irgendwann nur noch mit der Maschine. Der menschliche Sparringspartner — der Kollege, der widerspricht, der eine andere Erfahrung mitbringt, der im richtigen Moment fragt: Bist du sicher? — verschwindet still aus dem Arbeitsalltag. In Pharmaunternehmen, Kreativagenturen und Beratungen wurde dasselbe beobachtet: Das Gespräch über den Schreibtisch wird seltener. Die Qualität des Urteils sinkt. Der Mensch als Korrektiv braucht physische Nähe.
Runde 2
Konkrete Maßnahmen aus den Diskussionsgruppen
Wer ein Geschäftsmodell heute neu aufbaut, hat einen strukturellen Vorteil: keine eingefahrenen Prozesse, keine Widerstände. Ein Beratungsunternehmen in der Runde hat sieben KI-Tools miteinander verkettet — von der automatisierten Neukundenakquise bis zum fertigen Förderantrag. Der Personalbedarf sank von zehn auf zwei Beraterinnen bei gleichem Output. Die Botschaft für bestehende Organisationen: Wer transformieren will, muss zuerst die Prozesslogik hinterfragen — nicht einzelne Schritte automatisieren.
Praktische Challenge
Nimm dir heute 15 Minuten und schreib eine Aufgabe auf, die du regelmäßig erledigst. Überlege: Könnte ein KI-Tool diesen Schritt genauso gut erledigen? Probiere es einfach aus — mit ChatGPT, Copilot oder einem anderen Tool, das du bereits hast. Kein Projekt, kein Plan. Nur ausprobieren.
Eine Boutique-Kanzlei baut gerade einen Neon Brain — eine mehrschichtige KI, die auf alle jemals geschriebenen Verträge, Klauseln und Precedents zugreift. Wissen, das früher in den Köpfen erfahrener Partnerinnen steckte, wird systematisch zugänglich gemacht. Die Maßnahme: Jedes Unternehmen sollte heute damit beginnen, sein institutionelles Wissen zu kartieren — und zu entscheiden, wie es gesichert, strukturiert und weitergegeben wird. Nicht als Zukunftsprojekt. Jetzt.
Praktische Challenge
Schreib heute den Namen einer Person in deinem Unternehmen auf, die seit Jahren dabei ist und deren Wissen du noch nie wirklich abgefragt hast. Lad sie auf einen Kaffee ein — nicht für ein Meeting, sondern für ein einfaches Gespräch: Was würdest du anders machen, wenn du nochmal von vorne anfangen könntest?
Juniorkräfte brauchen nicht weniger Verantwortung in der KI-Ära — sie brauchen mehr. Fehler müssen sichtbar werden dürfen, Feedback muss in Echtzeit kommen. Eine Kanzlei in der Runde macht es konkret: Arbeitsergebnisse werden bewusst kritisch hinterfragt, Juniore früh in Transaktionen eingebunden. Die Alternative — KI-Outputs weiterreichen ohne Reflexion — produziert keine Nachwuchsführungskräfte. Sie produziert Weiterleitungsagenten.
Praktische Challenge
Lass beim nächsten Mal, wenn ein Junior oder eine Juniorin dir etwas zur Kontrolle gibt, das Ergebnis erst einen Tag liegen — ohne sofort zu korrigieren. Gib der Person die Chance, selbst nochmal drüberzuschauen und Fehler zu finden. Sag ihr das vorher. Nur einmal versuchen.
Der Gang ins Büro braucht einen Grund. Konkrete Formate aus der Runde: Upskilling-Tage mit Handy-Verbot und echten Fallstudien. Monatliche Blind Dates, bei denen Anwältinnen und Nicht-Anwälte per Zufallsgenerator zum Mittagessen gehen. Workshops, die Hierarchien und Abteilungen bewusst durchmischen. Das Büro nicht als Schreibtisch-Ort denken, sondern als Format-Ort.
Praktische Challenge
Such dir eine Kollegin oder einen Kollegen aus einer anderen Abteilung — jemanden, mit dem du sonst kaum zu tun hast — und lad sie oder ihn auf ein spontanes Mittagessen ein. Kein Agenda, kein Ziel. Einfach reden. Tu das einmal im Monat.
In einer Welt, in der KI Fachkompetenz demokratisiert, wird kultureller Fit zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Eine Kanzlei beschrieb ihren Peer-Test: Niemand wird eingestellt, mit dem man abends nicht gerne Zeit verbringt. Bewerberinnen werden bewusst mit verschiedenen Kolleginnen zusammengebracht — mit informellem Vetorecht der Gruppe. Das Ergebnis über 15 Jahre: hohes Wachstum, niedrige Fluktuation, starke interne Bindung.
Praktische Challenge
Denk an deine letzte Einstellung. Frag dich ehrlich: Hätte das Team ein Vetorecht gehabt — hätten sie diese Person auch eingestellt? Wenn du dir nicht sicher bist, besprich das beim nächsten Einstellungsgespräch einfach offen mit zwei Personen aus dem Team.
Die stärkste kulturelle Maßnahme braucht kein Budget. Sie braucht eine Entscheidung: Mitarbeitende werden nicht gefragt, was sie zu tun haben — sondern ob sie wissen, was sie wollen. Selbstwirksamkeit ist kein HR-Konzept, sondern eine Führungshaltung. Wer wartet, bis etwas hingelegt wird, ist in der Agentic Organization falsch aufgestellt.
Praktische Challenge
Delegiere diese Woche eine Aufgabe, die du normalerweise selbst erledigst — auch wenn du weißt, dass du sie schneller und besser könntest. Sag der Person, was das Ziel ist, aber nicht, wie sie es erreichen soll. Lass es laufen.
KI schafft Kapazitäten. Die entscheidende Frage ist, wer diese Kapazitäten wozu nutzt. Unternehmen, die freigewordene Zeit unreflektiert in mehr Projekte investieren, gewinnen kurzfristig — und verlieren langfristig. Die Maßnahme: Dedizierte Räume und Zeiten für interdisziplinäres Denken schaffen. Das Büro als Ort, an dem über den eigenen Tellerrand hinausgedacht wird, hat gesellschaftlichen Wert — besonders dann, wenn Begegnungsräume insgesamt seltener werden.
Praktische Challenge
Blocke einmal pro Woche 30 Minuten in deinem Kalender — ohne Agenda, ohne Verpflichtung. Nur für dich. Zum Nachdenken, Lesen oder einfach nichts tun. Nenn es intern, wie du willst. Aber halt diesen Termin genauso konsequent ein wie ein Kundentelefonat.
Was in kleinen Unternehmen mit starker Kultur organisch funktioniert, müssen große Organisationen aktiv konstruieren. Hubs statt Pflichtarbeitsplätze. Kleine interdisziplinäre Einheiten statt Abteilungssilos. Formate, die Zufallsbegegnungen provozieren, statt Strukturen, die sie verhindern. Die Maßnahme für Corporates: Das Büro als Anlass neu denken — nicht als Ort der Kontrolle, sondern als Investition in Identifikation.
Praktische Challenge
Lad beim nächsten internen Treffen oder Workshop gezielt jemanden ein, der oder die normalerweise nicht dabei wäre — aus einer anderen Abteilung, einer anderen Hierarchieebene oder einem anderen Bereich. Kein großes Event. Einfach eine Person mehr am Tisch.
KI-Tools nutzt nur, wer Zeit und Erlaubnis hat, sie auszuprobieren. Beides ist in den meisten Organisationen knapp. Die Maßnahme: Dedizierte Lernzeiten im Kalender verankern — nicht als Schulung, sondern als geschützter Experimentierraum. Mitarbeitende sollen Tools testen, Fehler machen, verwerfen und weitermachen können. Führungskräfte müssen diesen Raum aktiv verteidigen — gegen Tagesgeschäft, gegen Effizienzerwartungen, gegen die eigene Ungeduld. Wer das nicht tut, schickt Mitarbeitende mit neuen Tools in den Alltag, ohne dass sie je gelernt haben, wie man damit umgeht.
Praktische Challenge
Blocke für dein Team einmal im Monat 60 bis 90 Minuten als festen Termin — nur zum Ausprobieren eines KI-Tools. Kein Ergebniszwang, keine Präsentation. Wer etwas Nützliches findet, teilt es kurz mit den anderen. Wer nichts findet, hat trotzdem etwas gelernt.
Das Büro der Zukunft ist kein Ort, an dem man Aufgaben erledigt. Es ist ein Ort, an dem Menschen sich begegnen, gemeinsam extrapolieren und Dinge denken, auf die keine KI alleine käme. Erfolgreiche Bürokonzepte — thematische Campusse, social Spaces, gemeinsame Küchen — funktionieren, weil sie nicht für Produktivität gebaut wurden, sondern für Geselligkeit. Die Maßnahme: Mindestens ein bis zwei physische Touchpoints pro Woche als Orientierungsrahmen etablieren — nicht als Pflicht, sondern als kulturelle Erwartung. Und das Büro so gestalten, dass Menschen freiwillig kommen: wegen der Atmosphäre, wegen der Menschen, wegen der Momente, die zu Hause nicht passieren.
Praktische Challenge
Frag dein Team diese Woche in einer kurzen Runde: Was müsste das Büro bieten, damit du freiwillig öfter kommst? Schreib die Antworten auf. Dann such dir eine davon aus und setz sie um — egal wie klein sie ist.

Wer war im Raum
Führungskräfte, Partnerinnen, Gründer und Gestalterinnen aus internationalen Wirtschaftskanzleien, Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung, Immobilienentwicklung und -verwaltung, Architektur und Innenarchitektur, Kunstgalerien, Beratung und Fördermittelmanagement sowie Corporate Real Estate und Facility Management.
Keine Präsentationen. Keine Moderationsfolien. Nur Tisch, Kaffee und echte Gespräche.

Ausblick
Agentic Organization ist kein Zustand, den man erreicht. Es ist ein Prozess, der verlangt, das Vertraute loszulassen — und gleichzeitig zu verstehen, warum es das war.
Das Büro braucht einen neuen Grund. Der Nachwuchs braucht neue Wege des Lernens. Institutionelles Wissen braucht neue Gefäße. Und Führungskräfte brauchen die Bereitschaft, Fragen zu stellen, auf die es noch keine Antworten gibt.
CON:FUSION ist ein Raum für genau das.
Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzererfahrung zu verbessern und den Website-Betrieb zu gewährleisten. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.